|
|
|
Diese Frau hält sich nicht lange bei einem Thema auf. Erneut sucht Alison Goldfrapp auf ihrem vierten Album »Seventh Tree« den Bruch zum Vorgänger, der mit seinem Vorgänger brach, wie der mit dem hochgelobten Debüt »Felt Mountain«. Parallel dazu gleicht auch keine Cover dem anderen, womit das Duo Alison Goldfrapp und Will Gregory verdeutlicht, dass es an Wiederholungen und Selbstkopie wenig interessiert ist. Eine löbliche Einstellung, auch wenn die Briten damit permanent Verwirrung unter den eigenen Fans stiften und damit verhindern, eine treue und feste Anhängerschar hinter sich zu sammeln. Wer Goldfrapp wegen Black Cherry und Supernature die Freundschaft kündigte, sollte jetzt zurückkommen, für alle anderen gilt: seid tapfer, nehmt euch Zeit und Ruhe!
Das erneut im mondänen Bath aufgenommene »Seventh Tree« gleicht einer Flucht weit weg von den Tanzflächen, weg von Pop und Glam, nimmt man mal die deplacierte und doch gelungene Nummer »Caravan Girl« aus. Dafür dringt das von Flood (U2, Depeche Mode, New Order) mitproduzierte Werk tief ein in Psychedelia, versponnene Sounds, Streichersequenzen, akustischem Folk und gedämpfte Elektronik. Eine angenehme Wärme durchströmt die Downtempo-Songs, an deren Gelingen neben Alisons hinreißendem Gesang auch die Harfenspielerin Ruth Wall maßgeblich beteiligt ist. »Seventh Tree« schlägt zwar andere Richtungen als Felt Mountain ein, und doch herrscht endlich wieder eine so lange vermisste Atmosphäre, die unter der Discokugel nicht aufkommen wollte.
(Sven Niechziol, Amazon )
Alle Songs und Extras auf dem Album »Seventh Tree« von Goldfrapp:
1. Clowns
2. Little Bird
3. Happiness
4. Road to Somewhere
5. Eat Yourself
6. Some People
7. A&E
8. Cologne Cerrone Houdini
9. Caravan Girl
10. Monster Love
Alle Bonustracks auf dem Doppel-Album »Seventh Tree (Sonderedition CD+DVD)« von Goldfrapp:
1. Short Film (Video)
2. A & E (Video)
Es war ein Baum mit der Nummer sieben darauf. Ein wunderschöner Baum mit langen Ästen, die sich im Wind bewegten, wie Seegras unter Wasser. Als ich morgens aufwachte war für mich klar, dass dies der Titel des Albums sein musste. Alison Goldfrapp blickt etwas verlegen drein, als sie von der Namensfindung des vierten Goldfrapp-Albums »Seventh Tree« erzählt. Ihr Kollege Will Gregory grinst ihr beruhigend zu: Wenn Alison etwas träumt, dann ist das ein Wink des Schicksals.
Als wir zuletzt von Goldfrapp hörten, waren sie die ultimativen Disco-Animals, die sich auf einen subversiven Sound mit stilisiertem Seventies-Glamour, einer ordentlichen Portion Erotik und einer Prise britischem Humor spezialisiert hatten, perfektioniert auf ihren drei Alben »Felt Mountain« (2000), »Black Cherry« (2003) und »Supernature« (2005). Von dem mitreißenden »Lovely Head« bis hin zum treibenden »Ooh La La« war ihr Sound perfekt durchgeplant und aufregend ambitioniert, eine Explosion aus Glitzerkugeln, elektronischen Instrumenten, Dancefloors und Sinneslust, wie zahlreiche Liveauftritte mit fransenbesetzten Tänzern und Discopferden bewiesen.
Nun melden sie sich mit »Seventh Tree« zurück, einem Album, das alles auf den Kopf stellt, was wir über Goldfrapp zu wissen glaubten. Warm, sinnlich und schimmernd, sind dies die Klänge eines ausgesprochen britischen Deliriums, mit Anklängen an die Nonsens-Poesie von Edward Lear und der Exzentrik der frühen Pink Floyd. Aufgenommen in Bath in einem Bungalow aus den 1960ern, war es eine bewusste Entscheidung, sich von ihren früheren Werken zu lösen und eine psychedelischere Richtung auszuloten. Wir sagten uns immer wieder: »Es muss psychedelischer klingen, viel psychedelischer«, erinnert sich Will. »Und keiner von uns beiden hatte eine genaue Vorstellung, was wir damit eigentlich meinten«.
Alison und Will lernten sich 1999 kennen und waren dank ihrer gemeinsamen Vorliebe für alles Avantgardistische, Add N To (X) und Scott Walker sofort auf einer Wellenlänge. Sie tauschten Tapes, Bücher und Briefe, loteten Grenzen aus und stellten einander ein wenig auf die Probe um zu sehen, ob ihre Vorlieben ausgeprägt genug waren, um Bestand zu haben. Als sie begannen, gemeinsam Musik zu machen, entstand ihr Sound wie von selbst und durchlief eine rapide Entwicklung von Breitwand-Electronica zu Disco-Stomp. Bald wurden sie in ganz Europa und den USA gefeiert, ihre Musik wurde von Film und Fernsehen begeistert aufgegriffen, ihre Videos genossen Kultstatus, und Goldfrapp standen bald in dem Ruf, eine der spannendsten Livebands der Gegenwart zu sein.
»Seventh Tree« wurde über einen wesentlich längeren Zeitraum aufgenommen als sämtliche Vorgänger, eine bewusste Entscheidung ausgelöst durch die Intensität des Tourens und den Wunsch, etwas greifbar anders zu machen. Eigentlich bekannt für die Intimität ihrer Arbeitsmethoden, holten Will und Alison zu den »Seventh Tree«-Aufnahmen nicht nur Flood als Koproduzenten dazu, sondern auch andere Musiker, wie die Harfenistin Ruth Wall, die eine Harfe mit Stahlsaiten aus dem 17. Jahrhundert mitbrachte, von der ein Sample in »Road To Somewhere« zum Einsatz kam.
Ein besonders ungewöhnliches Instrument ist in dem Song »Eat Yourself« zu hören. Das ist ein von Mattel hergestelltes Teil, das sich Optigon nennt; eigentlich ein Spielzeug, dabei aber gleichzeitig eine hoch entwickelte Orgel, die man mit kleinen optischen Discs, kleinen Soundloops betreibt. In diesem Fall war es ein wunderbar folkiger Gitarrenpick, der allerdings ziemlich wackelig klingt, weil er aus den 60ern stammt und ziemlich mitgenommen ist. Als Alison dann ihren Scat darüberlegte – was man auf dem Album hört, ist ihre erste Version –, war das etwas, das ich eigentlich noch nie von ihr gehört hatte. Es klang wie eine Kreuzung aus den New Seekers und Emmanuel.
Die Früchte ihrer spontanen Jams sind in Nummern wie dem Opener »Clowns« mit ihren von »Crash TV« und »Brustimplantaten« inspirierten Texten zu hören, oder auch in »Cologne Cerrone Houdini«, einem Song, der laut Alison davon handelt sich mit jemandem auf einer Reise zu befinden und plötzlich festzustellen, dass es nicht läuft. Viele Songs, fügt sie hinzu, handeln musikalisch und textlich davon, irgendwohin unterwegs zu sein.
Tatsächlich ist »Little Bird« die Geschichte von einer Freundin von Alison, die ständig auf Achse ist, während »Caravan Girl« von einem Mädchen mit Amnesie handelt, das mit einem anderen Mädchen in einem Wohnwagen durchbrennen will. Texte, die scheinbar aus dem Nichts kommen und sich vor köstlich fieberhafter Musik abheben. Das ist ein C-Dur-Ding, meint Will. Wir begeisterten uns für dieses ziemlich hämmernde, glückliche Feeling und verwandelten es in ein Kirchenorgel-Stück. Gleichzeitig ist es verrückt. Die Produktion ist so erbarmungslos großäugig, grinsend poptastisch, alles leuchtet in den buntesten Farben ... Das hat etwas ziemlich Krankes und Großartiges zugleich.
Nicht jede der Reisen ist wörtlich gemeint. »Happiness« ist eher eine Art Gedankenspiel, eine Erkundung der verschiedenen Arten, auf die Menschen versuchen, glücklich zu sein. Dabei herausgekommen ist eine etwas verrückte Nummer, findet Alison. Wir haben versucht, dem Stück einen etwas psychedelischen, netten, fast durchgeknallten Sound zu verpassen.
Nachdem das Album fertig ist, suchen Goldfrapp nun nach Möglichkeiten, ihr verklärt-britisches Psychedelikum auf der Bühne umzusetzen. Das musikalische und das visuelle Element sind für mich untrennbar, erklärt Alison. Wenn man von Sound spricht, dann hat er eine Atmosphäre, und Emotion, Farben und Charakter. Sie grinst böse: Ich könnte mir leicht bekleidete Volkstanzgruppen mit Bändern und Blumen vorstellen, die um Maibäume herumtanzen ...
(Mute Records)
» Amazon-Direktlinks: Alle Infos zu
Goldfrapp und
Seventh Tree
bei Amazon.de ansehen.
|